Einleitung

Die meisten Betroffenen müssen mit einer Hörminderung bis hin zu einem vollständigen Hörverlust rechnen. Der Zeitpunkt und das Ausmaß des Hörverlustes können individuell stark variieren. Bei einigen tritt der Hörverlust mit Beginn der Pubertät ein oder im Alter von 20 – 30 Jahren. Bei anderen wiederum setzt der Hörverlust später ein. Es ist sehr selten und nicht davon auszugehen, dass sich kein Hörverlust einstellt. Vielmehr können Akustikusneurinome selber oder eine notwendige Operation an einem Akustikusneurinom den Hörnerven so weit beschädigen, dass mit einem schleichenden Hörminderung oder plötzlichen Ertaubung auf der betreffenden Seite zu rechnen ist. Somit können NF2-Betroffene verschiedene Stadien durchlaufen: Von Normalhörigkeit, über Schwerhörigkeit bis hin zur vollständigen Ertaubung.

Welche Möglichkeiten der Kommunikation bleiben derart Betroffenen? Welche anderen Möglichkeiten zur rehabilitativen Behandlung sind empfehlenswert? Es ist ebenfalls sehr wichtig, bei drohender Schwerhörigkeit oder Ertaubung präventiv zu arbeiten. Das bedeutet, mit Sprachtherapie und Lippenabsehen zu beginnen, wenn das Gehör noch intakt ist. Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass nach einer Ertaubung alles zu spät ist. Im Gegenteil!

Absehen vom Mund

Wer plötzlich sein Gehör verliert wird zunächst versuchen, Gesprochenes vom Mund abzusehen.

Meistens funktioniert es nicht, alle Gesprächspartner müssen zu Stift und Papier greifen. Das Absehen vom Mund ist von vielen Faktoren abhängig und muss erlernt werden. Es zu lernen gelingt nicht allen Ertaubten und stark Schwerhörigen, und auch die es gut können, verstehen nicht alle Gesprächspartner!

Faktoren für das Gelingen einer Kommunikation durch Absehen:

  • das Mund Bild des Gegenübers muss gut zu sehen sein:
    • das Licht muss für den Ertaubten immer von hinten kommen, damit das Gesicht des Gegenübers gut zu sehen ist
    • der Gesprächspartner darf keinen Vollbart tragen, keinen Kaugummi kauen, keine Zigarette rauchen
    • der Gesprächspartner muss die Zähne auseinander bekommen beim Sprechen, darf keine Endungen verschlucken, keinen Dialekt sprechen, nicht nuscheln (alles das kann man lernen)
    • Beide Gesprächspartner sollten Blickkontakt halten, sich aufmerksam aufeinander konzentrieren.
  • Sprechbegabung und Konzentrationsfähigkeit des Ertaubten sind wichtige Voraussetzungen.
  • Empathie (Fähigkeit zum Mitdenken; was könnte der andere jetzt sagen) ist auch hilfreich.
  • Nähe der Bekanntschaft (die Familienangehörigen kann ein Ertaubter meist am besten verstehen, weil er weiß, was und wie sie sprechen)
  • Gegenseitige Sympathie und Interesse aneinander fördert das Verstehen

Auch bei optimalen Bedingungen wird aus dem Absehen vom Mund kein Ablesen, das heißt etwa bei abruptem Themenwechsel kann ein Ertaubter nicht mitkommen. Es wird auch immer eine enorme Anstrengung bleiben. Es wird immer Missverständnisse geben, so ist beispielsweise das Wörtchen „nicht“ kaum zu sehen und verändert den Sinn radikal. Ein komplizierter Satzbau oder Fremdwörter sollten nicht verwendet werden.

Und:

Das Absehen ist sehr anstrengend, bei mehreren hörenden Gesprächspartnern ohnehin unmöglich, wenn sie sich nicht alle immer dem Ertaubten zuwenden können. Blickkontakt ist notwendig, damit der hörende Sprecher Kontrolle hat, ob etwas verstanden wurde

Der Ertaubte darf nicht so tun, als hätte er verstanden, wenn er in Wirklichkeit den Faden verloren hat. Bei wichtigen Besprechungen sollte das Absehen nicht die Kommunikationsform der Wahl sein.

Hier hilft ein Schrift- oder Gebärdendolmetscher, worauf ein stark Hörgeschädigter beim Arzt oder bei Bewerbungsgesprächen Anspruch hat. (siehe "Das Recht auf Dolmetschen")

Gebärden

Eine ganz andere Möglichkeit stellen die Deutsche Gebärdensprache (DGS) oderZwei Menschen beim Gebärden

lautsprachbegleitende Gebärden (LBG) dar.

Deutsche Gebärdensprache (DGS): Sie wird hauptsächlich von Gehörlosen verwendet und hat eine eigenständige Grammatik, die auf visueller Wahrnehmung beruht. Auch Mimik und Körpersprache sind ein wesentlicher Teil der Grammatik. Die Deutsche Gebärdensprache ist eine eigenständige und vollwertige Sprache mit regionalen Eigentümlichkeiten wie Dialekten, Idiomen usw. DGS ist ein wichtiger Bestandteil der Gehörlosengemeinschaft und deren Kultur.

Lautsprachbegleitende Gebärden (LBG): Sie werden hauptsächlich von lautsprachorientierten Personen, d.h. meist von Schwerhörigen und Spät-Ertaubten verwendet. Anders als DGS, die eine eigenständige Sprache ist, ist LBG eine Kommunikationsform, die an der Lautsprache orientiert ist und mittels Gebärden das Gesprochene begleitend sichtbar macht. Die einzelnen Gebärden der LBG sind zumeist Gebärden aus der DGS. Oft wird LBG nicht in ‚Reinform’ lautsprachbegleitend verwendet, sondern vielmehr lautsprachunterstützend (LUG), was heißen soll, dass nicht jedes gesprochene Wort gleichzeitig gebärdet wird, sondern nur diejenigen Wörter, die für das inhaltliche Verständnis wichtig sind, um so das Absehen beträchtlich zu erleichtern.

Fingeralphabet: Tiger_FingeralphabetDas Fingeralphabet entspricht den Buchstaben der Schrift und wird sowohl in der DGS als auch in der LBG verwendet. Die Buchstaben werden sichtbar mit einer Hand gebildet. Da es jedoch zu aufwändig wäre, sämtliche Aussagen per Fingeralphabet zu buchstabieren, wird es für Wörter eingesetzt, für die keine Gebärde bekannt ist (z.B. Fremdwörter, Ortsnamen, Personennamen).
Während in der Kommunikation mittels Hörhilfen, Absehen oder Schriftsprache letztlich kaum Barrierefreiheit erreicht werden kann, ist gerade das mit Hilfe von Gebärden oder der Gebärdensprache möglich. Sofern keine gravierende Sehschädigung besteht, ist der Zugang zu dieser Kommunikationsform unbehindert. Ein weiterer Vorteil besteht darin, dass die Verantwortung für ein Gelingen der Kommunikation auf beide Seiten - die gut hörende und die hörgeschädigte - gleichermaßen verteilt wird.

Das Fingeralphabet können Sie sich hier herunterladen.

Bundesweite angebotene Gebärdensprachkurse sind hier zu finden.

Hier noch ein Tipp, um spielerisch die Gebärdensprache zu üben

Stadt-Land-Hand, das ultimative Gebärden-Kartenspiel für schlaue Köpfe.

Wer kennt eine Gebärde zum Meer... Klar doch...

Aber auch mit einer der aufgedeckten Handformen?

Wer es am schnellsten erkennt, der gewinnt.... Aber keine Angst, es gibt 30 verschiedene Kategorien, und da bist du dann sicher der Schnellste...Wer als erstes aus den vorgegebenen Handformen eine passende Gebärde weiß, deckt diese mit seiner Hand zu und produziert die Gebärde.

Sprachpflege

Während Früh-Schwerhörige und Gehörlose von klein auf durch logopädischen Einsatz die gesprochene Sprache (Lautsprache) künstlich vermittelt bekommen, lernen NF2-Betroffene die Lautsprache auf natürlichem Weg, denn der Hörverlust tritt meist erst nach dem Lautspracherwerb auf. Obwohl Letztere also das Sprechen beherrschen, kann es sein, dass mit Wegfall des Gehörs das Sprechvermögen nachlässt. Grund hierfür ist das durch den Hörverlust eingetretene Fehlen des wichtigsten Kontrollorgans über die eigene (Aus-) Sprache. Dies kann sich in zwei Richtungen auswirken: zum einen auf die Aufnahme von Sprache und zum anderen auf ihre Wiedergabe. Eine logopädische Betreuung ist daher außerordentlich wichtig. Unsere Sprache besteht aus Einzellauten, die miteinander verbunden werden und zu Wörtern oder Sätzen zusammengefügt werden. Die Laute sind also die Grundeinheiten jeder Verständigung. Für die Bildung eines Lautes sind, populär gesprochen, drei Faktoren wichtig: die Luftführung, die Stimme und die Mundstellung.

Bei NF2-Betroffenen kann die Artikulation durch eine evtl. auftretende Stimmband- oder Gesichtslähmung (ein- oder beidseitig) infolge eines Tumors beeinträchtigt sein. Werden bei einer Operation die Stimmbänder verletzt oder gelähmt, ist eine richtige Stimmgebung nicht mehr möglich. Aber man kann durch gezieltes Training erreichen, dass ein gesund gebliebenes Stimmband zum Teil die Funktion des anderen mit übernimmt. Fehler bei der Stimmbildung strengen in der Regel sehr an. Das führt dazu, dass der Betroffene immer leiser spricht oder sogar das Sprechen möglichst vermeidet - so das nötige „Stimmtraining“ immer weniger wird und sich die Stimme dadurch weiter verschlechtert.

Mit unserer Stimme unterscheiden wir aber nicht nur Laute voneinander, sondern wir geben dem Gesagten eine Bedeutung. Allein durch die unterschiedliche Betonung kann ein Satz verschiedene Bedeutungen bekommen. Wenn wir z.B. wütend sind, fangen wir leicht an zu schreien. Wenn wir aufgeregt sind, klettert die Stimme in die Höhe. Wenn wir etwas fragen, aber auch! Wir erkennen am Tonfall Stimmungslagen: Wut, Ärger, Trauer oder Freude. Ob wir wollen oder nicht, wir teilen unsere Gefühle und Gedanken anderen mittels der Stimme mit. Von Geburt an taube Menschen können sich das nicht vorstellen, Spätertaubte müssen sich erinnern, wie sie eine Frage gehört haben. Schon allein die Vorstellung, wie eine Frage klingt, ist nach der Ertaubung schwer ins Gedächtnis zu rufen, wenn man als Hörender keine bewusste Erfahrung mit Intonation und Satzmelodie gemacht hat. Noch viel schwieriger ist es, diesen Tonfall selbst wieder zu produzieren. Die Satzmelodie verändert sich also, wenn man sie nicht mehr bei anderen bewusst oder unbewusst wahrnimmt. Die Sprache wird „monoton“, d.h. sie verläuft nicht mehr in Höhen und Tiefen ähnlich einer Kurve, sondern eher in einer Linie, so dass es auf den Zuhörer „ermüdend“ wirkt. Die feinen Differenzen, die das Sprechen normalerweise auszeichnen und auch spannend machen, fallen in dieser Sprechweise weg.

Das Ziel der Sprechpflege ist es daher, besser von anderen verstanden zu werden, etwas dazu zu tun, dass auch andere müheloser, entspannter und besser mit dem Ertaubten kommunizieren können.

Wieder selbst telefonieren: Der Telefon-Dolmetschdienst Tess

Das Telefonieren war noch vor wenigen Jahren für schwer Hörgeschädigte unmöglich – das war eine große Hürde. Man musste immer einen Mitmenschen bitten anzurufen und wusste anschließend nicht genau, was gesprochen worden war.

Seit 2006 gibt es den Telefondolmetschdienst Tess, der Hörgeschädigten das Telefonieren ermöglicht. Es sind eigentlich zwei Dienste: TeSign für die (von Geburt) Gehörlosen, hier wird in Gebärdensprache übersetzt. Und TeScript für die Ertaubten und stark Schwerhörigen, hier wird das Gesagte verschriftlicht.

Da Tess unter der Leitung der Deutschen Gesellschaft der Hörgeschädigten-Selbsthilfe arbeitet, sind der hohe Standard der Dolmetscher und ihre Verschwiegenheit garantiert. Die Finanzierung der Dienste ist langfristig durch einen gesetzlichen Auftrag gesichert.

Und wie funktioniert es?

Der ganze Anruf wird über das Internet abgewickelt, daher braucht man einen schnellen Internet-Anschluss. Dann kann man sich auf der Homepage von Tess anmelden. Dort wird genau beschrieben, wie man vorgehen muss, Wer es allein nicht schafft: Das sehr nette und geduldige Support-Team von Tess hilft bei allen technischen Problemen bei der Installation und im Betrieb.

Zu den Kosten: Tess kostet (bei ausschließlich privater Nutzung) monatlich 5 Euro Grundgebühr plus Gesprächsgebühren in Höhe von 0,28 Euro/Minute. Bei beruflicher Nutzung sind die Gebühren etwas höher, werden aber bei Bedarf vom Integrationsamt bzw. dem Arbeitgeber getragen.

Tess-Kunden können auch von Guthörenden angerufen werden. Hierzu muss der hörgeschädigte Kunde online sein, der hörende Anrufer wählt die Servicenummer von TeScript 01805-837788 und sagt, wen es sprechen möchte. Kosten für die Anrufer aus dem Festnetz 0,14 Euro.

Tess bietet seine Dienste an allen Tagen der Woche von 8 bis 23 Uhr an. Manchmal muss man auf einen freien Dolmetscher ein bisschen warten, meistens klappt es sofort. Möglich sind alle Arten von Telefonaten, von der Terminvereinbarung bis zu Liebesschwüren.

Nicht möglich ist es, Tess zum „Ferndolmetschen“ zu nutzen, wenn beide Gesprächspartner sich in einem Raum aufhalten (wie beim Arztgespräch in der Praxis). Hierzu siehe das Angebot von VerbaVoice.

Seit einiger Zeit ist es für Hörgeschädigte mit guter Sprechkompetenz möglich, selbst mit dem Angerufenen zu sprechen. Das heißt bei TeScript „Voice carry over“ oder kurz VCO. Man benötigt ein Headset (Kopfhörer und Mikrofon) und muss bei Gesprächsbeginn VCO anmelden. Man spricht dann ins Mikro und bekommt die Antwort auf dem Bildschirm. Das Tempo bei solchen Gesprächen ist wie bei Anrufen zwischen Guthörenden, da die Schriftmittler bei TeScript sehr schnell tippen können.

Und als „Sahnehäubchen“ kann man Tess bald auch mit Mobiltelefon nutzen! Bei TeSign (Gebärdensprachdolmetschung) ist es schon möglich, für TeScript (Schriftmittlung) ist eine technische Lösung für Smartertaubtephones und iPad in Vorbereitung.

 

Hilfe, ich habe einen Herzinfarkt! Wo bleibt der Krankenwagen - ein neues Zeitalter für den Notruf (Bericht von www.taubenschlag.de)

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Der Notruf ist für Gehörlose und Schwerhörige in Europa und Amerika gleichermaßen ein leidiges Thema - wenn wir überhaupt eingeschränkten Zugang haben, dann nur durch veraltete Methoden wie Schreibtelefon und Fax. Hörende können innerhalb von Sekunden eine Antwort erwarten, wenn sie 112 wählen. Wir dagegen müssen nach wie vor wertvolle Zeit damit vertändeln, ein verstaubtes Faxgerät hervorzukramen und dann hoffen und beten, dass die 112-Leitstelle mit unserem Anruf überhaupt klar kommt. Ganz davon zu schweigen, dass Schreibtelefone und Faxgeräte nicht auf digitalen Telefonnetzen funktionieren. Also mal hoffen, dass es mit dem Herzinfarkt doch nicht so schlimm ist?

 

 

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