Verarbeitung

Trauerprozess

Die wohl gravierendste Folge der NF2 ist Hörminderung bis hin zur vollständigen Ertaubung. Bei leichten Fällen kann sie mitunter vermieden werden, bei schwereren zumeist nur hinausgezögert werden. Der Hörverlust hat schwer wiegende Folgen, die das Leben radikal beeinflussen. Der Umgang mit dieser Situation ist von Mensch zu Mensch verschieden. Betroffen sind darüber hinaus nicht nur die selbst Betroffenen, sondern auch deren Umfeld, also Angehörige, Freunde, Kollegen und die übrigen Mitmenschen.

"Leben mit einer (drohenden) Ertaubung" bedeutet, in eine Krise gestürzt zu sein, die einen ganz individuellen Trauerprozess auslöst. Trauer ist ein Prozess, der sich über Monate oder auch Jahre erstrecken kann und vielleicht sogar nie abgeschlossen sein wird. Trauer ist nicht nur eine Gemütsverfassung, die sich irgendwann wieder ändert. Ich trauere nicht nur, wenn mir traurig zumute ist, sondern Trauer ist viel umfassender. Der Trauerprozess wird in verschiedenen Phasen durchlebt:

  • Verdrängung
  • Emotionales Chaos
  • Trauer um das Verlorengegangene
  • Erkennen und Anerkennen der durch den Hörverlust gegebenen Grenzen
  • Versöhnung mit dem Schicksal

Der Trauerprozess beschränkt sich also nicht nur auf die Phasen, in denen ein Mensch weint. Trauer ist nicht nur mit Depression verbunden und der Prozess des Trauerns beginnt bereits mit dem Wissen, einen Tumor zu haben, durch den man früher oder später ertauben wird.

Trauer ist das Gefühl, das uns hilft, Krisen wie z.B. eine eingetretene Hörschädigung in unser Leben aufzunehmen, mit ihr leben zu lernen, und Verlorengegangenes loszulassen. Dass dies nicht leicht ist, das werden wohl alle Betroffenen aus eigener Erfahrung bestätigen können. Es besteht zudem wie in jedem Trauerprozess die Gefahr, nicht mehr weiter zu kommen, nicht mehr weiter zu können und in tiefer Verzweiflung zu versinken. Trauer ist dann keine Hilfe mehr.

Krisenmanagement

Krisen treten häufig unvermittelt ein. Es gibt daher keine Möglichkeit, sich auf eine neue Situation und deren Folgen vorzubereiten. Glücklicherweise ist die Medizin heute so weit, dass Spezialisten den NF2-Betroffenen häufig drohende Beeinträchtigungen wenigstens vorher ankündigen können. Das wiederum eröffnet die Chance, sich auf eine bestimmte Situation einstellen zu können. Diese Chance können Menschen aber nur als solche wahrnehmen, wenn sie sich ihrer bewusst sind. Und das wiederum ist wichtig, um den Auswirkungen einer Hörschädigung entgegenzuwirken, bevor es etwa zum Scheitern von Beziehungen zu anderen Menschen kommt. Aber selbst das ist keine Garantie dafür, dass alles gelingen wird. Ganz im Gegenteil: Vieles wird sehr schwer werden und manches scheitern.

Die NF2 gibt uns also die Möglichkeit, uns ein gewisses Krisenmanagement anzueignen. So oft wir in Situationen geraten werden, denen wir mehr oder minder ohnmächtig ausgeliefert sind, so wichtig und hilfreich ist es, gelernt zu haben, mit Krisensituationen umzugehen, um Ohnmacht in Handlungsfähigkeit zu verwandeln und so schnell und gut wie möglich wieder Frau oder Herr der eigenen Lage zu werden.

Kein Betroffener weiß, wie lange er noch  hören können wird. Er weiß nicht einmal, ob er überhaupt ertauben muss. Der medizinische Fortschritt soll doch so rasant sein. Das könnte ja auch bedeuten, dass hörerhaltende OP’s noch vor einer Ertaubung Standard werden. Auch den Hoffnungen in Bezug auf auditorische Neuroimplantate wie CI oder ABI sind keine Grenzen gesetzt. So rasant aber der medizinische Fortschritt auch ist, er erzeugt auch viel Unsicherheit. Vielleicht sagt ein Chirurg, er könne hörerhaltend operieren, ein anderer meint, das sei nicht mehr möglich. Was tun? Wer hat Recht?

Zu bedenken ist auch, dass schon die Folgen einer Schwerhörigkeit gravierend sein können. Nicht mehr ‚normal’ oder womöglich gar nichts mehr hören zu können - von Ohrgeräuschen abgesehen. Verdrängen kann ein Mensch die bevorstehende Katastrophe entweder, weil die ganze Situation sein Vorstellungsvermögen übersteigt oder, weil der Gedanke an die Katastrophe ihn zu erdrücken scheint Dazu bereit zu sein, der Katastrophe ins Gesicht zu sehen, erfordert sehr viel Mut.

Nun gibt es jedoch nicht nur das, was verloren gegangen ist, sondern vielmehr bleibt ja auch vieles, verändert sich, will neu entdeckt, gesehen oder erfahren werden.

Und was ist mit den Angehörigen? Für sie gilt im Grunde das Gleiche – mit dem Unterschied, ‚nur’ betroffen und nicht selbst-betroffen zu sein. Angehörige haben im Grunde die Möglichkeit, sich der Situation mehr oder minder zu entziehen.

Am Ende des Trauerprozesses steht vielleicht die Freude darüber, im Verlust auch einen Sinn sehen zu können, ohne mehr von den Ketten der Depression gefesselt zu sein.